Herr Benedikter, was erzählen diese Daten?
Roland Benedikter: Im Grunde eine interessante Geschichte. Aber zwei Dinge müssen wir vorausschicken. Erstens: Es ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht möglich, einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen den beiden Seiten der Gleichung herzustellen. Es gibt keine Studien, die zeigen, dass die Menschen hinter diesen erhobenen Fällen wegen eines Hundes auf ein Kind verzichten – oder umgekehrt. Die Zahlen zeigen ja gerade im Gegensatz dazu, dass die Zahl der Hunde in Bozen zuletzt eine Sättigungsphase erreicht, sich der Geburtenrückgang aber fortsetzt. Wir können also aus der großen und langfristigen Perspektive Analogien herstellen, sie aber nicht direkt aus den vorliegenden Fakten ableiten. Zweitens sollten wir uns davor hüten, das Thema zu moralisieren. Beim Thema Kinder ist jeder einzelne Fall speziell und für sich zu betrachten. Die Frage, ob man Kinder hat oder eine Familie gründet oder nicht, ist ein zutiefst menschliches und persönliches Thema, das aufs Engste zur Würde der Person gehört. Davor müssen wir tiefsten Respekt haben, denn diese Würde ist unantastbar. Was wir aus den Daten aber herauslesen können, ist eine interessante Übereinstimmung in der makro-gesellschaftlichen Perspektive.
Wie interpretieren Sie diese Übereinstimmung?
Benedikter: In unserer Gesellschaft gibt es, gerade wenn wir die Würde der Individualität aufs Höchste schätzen und schützen, im Ganzen eine herausfordernde Entwicklung. Das sagen uns alle nationalen, europäischen und internationalen Indikatoren. Das Stichwort lautet: demographische Schrumpfung bei Überalterung und ihre – oft unbewusste – Kompensation durch Ersatzbindungen.
Wie lässt sich das große Stichwort „Ersatzbindungen“ erklären?
Benedikter: Die große Paradoxie unserer Zeit ist, dass das „Gesetz der Diskonnektivität hoch vernetzter Gesellschaften“ herrscht. Eine Studie der Uni Wien zeigt: Je stärker Menschen technologisch vernetzt sind, desto weniger sind sie tatsächlich miteinander verbunden. Das führt dazu, dass wir zwar ständig in Echtzeit mit anderen im Austausch sind, uns aber umso weniger wirklich an jemanden binden, weil immer neue Möglichkeiten entstehen. Da man sich eigentlich nicht entscheiden kann, entstehen Ersatzbindungen. Menschen wenden sich zum Beispiel mit ihren psychologischen Problemen mittlerweile vermehrt an virtuelle Assistenten. Sie suchen nach realistischen Spielen im Internet, wo bestimmte Verhaltensweisen quasi zum täglichen Ritual werden.
Denn das stiftet mittels „Differenz und Wiederholung“, wie das der französische Philosoph Gilles Deleuze genannt hat, Identität und eine Art „Heimat“. Auch die starke Zunahme an Hunden und Haustieren, die man streicheln kann und die eine gewisse Liebe zurückgeben, könnte man soziologisch als einen Teil dieser allgemeinen Entwicklung zu Ersatzbindungen und -zugehörigkeiten deuten. Als einen Teil der „Heimatfindung“.
Ist es eine Kompensation oder eine Alternative, einen Hund zu haben?
Benedikter: Es kann keines von beiden sein, oder beides. Das hängt vom einzelnen Fall ab. Ich wäre aber wie gesagt jedenfalls vorsichtig, das direkt mit dem fehlenden Kinderkriegen in Verbindung zu bringen. Denn es kann auch eine Alternative oder Kompensation für allgemein fehlende Zuneigung und Bindung sein. Bindung wird von vielen in der Generation Z, aber auch von heute 40- bis 50-Jährigen, oft als zu große Verantwortung, zu unübersichtlich, schwer planbar oder unsicher erlebt. Der Trend zu Ersatzbindungen ist ein allgemeiner.
Er zeigt, dass viele Menschen, teilweise auch unabhängig von ihrem Alter, in unserer stark individualistischen und zugleich hoch komplexen Gesellschaft überfordert sind. Man fühlt sich eben wegen der Kombination von Individualismus mit Komplexität im Grunde allein. Bindungen mit anderen Menschen lassen sich nicht einfach auf Tiere übertragen, denn diese versagen auch zuweilen als Kompensation für echte Lebensumstände und die Fähigkeit, Dauerhaftigkeit von Beziehung auf der Grundlage von Entscheidungen zu wagen. Fehlende Kinder sind nur ein Effekt dieser psychologischen Lage – wahrscheinlich der für unsere Zukunft wichtigste, aber nicht der einzige.
Wo liegt das grundsätzliche Problem in der Bindungsfähigkeit, in der Verweigerung von Verantwortung?
Benedikter: Hier müssen wir aufpassen: Es ist mehrheitlich keine Verweigerung, sondern eine Wahrnehmung der Überforderung, der Selbstüberforderung mit Verantwortung. Diese Wahrnehmung hat mehrere Gründe. Einerseits die eigene innere Biografie. Die ständige Messbarkeit unseres Lebens durch Apps sorgt bei vielen für Dauerstress. Die tickende innere Körperuhr führt zu einer dauernden Überforderung mit dem Dasein im Leben. Das ist eine grundsätzliche Lebenserfahrung des heutigen Menschen, der in einer hoch komplizierten, mit Information überfütterten Welt lebt. Aus dieser Überforderung entsteht Orientierungslosigkeit. Ich kann mich eigentlich für nichts entscheiden. Das ist eine Wahrnehmung von Überforderung.
Wo liegen Gründe, die Menschen behindern, Kinder zu wollen?
Benedikter: Wie in der ganzen entwickelten Welt besteht ganz grundsätzlich auch in Südtirol das Fruchtbarkeitsproblem bei Frauen und bei Männern. Die Fruchtbarkeit ist weltweit in den vergangenen 70 Jahren stark zurückgegangen, laut übereinstimmenden Statistiken von UNO, Weltbank und Weltwirtschaftsforum um mehr als die Hälfte. Global wird der Rückgang der Fruchtbarkeit, etwa von den Vereinten Nationen, wortwörtlich die stille, schleichende Seuche genannt. Die Leute wollen Kinder kriegen, können aber nicht, weil sie durch externe Einflüsse in Umwelt und Lebensstilen, darunter durch das Eindringen menschengemachter Chemie in Grundversorgungskreisläufe, unfruchtbarer als vorhergehende Generationen geworden sind. Hier müssen wir mit Nachhaltigkeits-, Umwelt- und Lebensstil-Maßnahmen gegensteuern.
Als zweites Thema erwähnen sie das Thema der Zeitpolitik. Was ist damit gemeint?
Benedikter: Unser Umgang mit Zeit stammt aus dem 20. Jahrhundert, aber wir leben im 21. Jahrhundert. Wir haben zu lange Ausbildungswege. Junge Erwachsene haben im fruchtbarsten Alter gar keine Zeit, Kinder zu kriegen. Es gibt Berufe, die Familiengründungen nicht ermutigen, sondern bestrafen, vor allem bei Frauen. Und es gibt für Mütter und Väter immer noch zu wenig Schutz bei der Elternzeit. Es gibt zwar das Modell, bei dem der Mann einen Teil dieser Elternzeit übernehmen soll. Aber diese Zeitpolitik funktioniert in der Wahrnehmung vieler Menschen eigentlich nicht. Das ist ein innerer Stress. Zeitpolitik müsste innere Entlastung bringen, um jedem die Gelassenheit zu geben, bei sich sein zu können. In Wirklichkeit ist Zeitpolitik noch eher ein Stressfaktor. Das sollte sich durch politische und soziale Maßnahmen ändern.
Welche weiteren Punkte führen zur Überforderungs-Wahrnehmung?
Benedikter: Eine ganze Reihe. Erstens ist die Partnersuche selbst komplizierter geworden. Durch das Internet hat man viel mehr Auswahl. Deswegen entscheidet man sich immer weniger. Und die Zeit verstreicht. Die Körperuhr tickt, man fühlt Stress, zugleich ist niemand gut genug.
Zweitens gibt es Vorbilder für schönes Leben, die in sozialen Medien immer nur glücklich daherkommen und perfektes Dasein signalisieren. Niemand kann dem gleichkommen, also hat man auch nie einen Partner, weil der das nicht erreichen kann, und weil auch ich mir unbewusst ständig eingestehen muss, dass sich selbst ja auch nicht perfekt und also nicht gut genug bin.
Ein dritter Punkt ist die öffentliche Dauerrhetorik von einfach nicht aufhörenden Problemen, Katastrophen, Skandalen und Untergang. Die unlösbare Klimakrise, die Finanzkrise, die Pandemie, die Kriege. Dazu gehört letztlich auch die Problematisierung der Kinderfrage selbst, die wir hier vornehmen. Irgendwie ist viel zu vieles, wenn nicht gar alles schlussendlich negativ. Das setzt sich im individuellen und kollektiven Unbewussten fest. Es erzeugt eine Spirale. Viele Menschen stellen sich deshalb die Frage, ob sie in dieser Zeit überhaupt Menschen in eine Welt setzen sollen, die zu unsicher ist, in der offenbar jederzeit eine Katastrophe passieren kann. Manche sagen dann: Nein, ich will keine Kinder. Dabei leben wir, historisch besehen, in der besten aller Zeiten.
Ein vierter Punkt ist die Körperfrage. Durch die neuen technologischen Möglichkeiten der letzten Jahre, Teile des Körpers „aufzurüsten“, zum Beispiel mit intelligenten Prothesen, wurde der bisherigen Humanismus immer mehr durch einen Transhumanismus ersetzt. Dieser will mithilfe der Technik über den bisherigen Menschen hinausgehen, in ein viel längeres und besseres Leben. Dadurch wird der heute natürliche Körper und seine Lebenszeit indirekt abgewertet. Was suggeriert, dass man noch warten sollte mit Kindern, bis neue Möglichkeiten längeren und besseren Lebens bestehen. Was allerdings auf eine Spekulation hinausläuft.
Und ein fünfter und letzter Punkt ist der Wandel der Spiritualitäten. Von traditionell „erzählenden“ Religionen wie den drei abrahamitischen Religionen ging in den vergangenen Jahren die Entwicklung der materialistischen Kultur des Konsumismus faktisch in einen Nihilismus hinein. Dieser hat sich interessanterweise bei vielen in eine latente Spiritualität des Nichts weiterentwickelt – das heißt, dass das Nichts das große spirituelle Zentrum von Erwartung und Perspektive ist, vor dem die Welt als bloßer Überschuss erscheint, der nur temporär ist. Warum sollte man in eine solche Welt, die von Leiden „in der Aussetzung“ geprägt ist, Kinder setzen, wenn letztlich doch das Nichts triumphiert, das, dieser Logik nach, auch in der Gegenwart ständig anwesend ist, weil es ja seiner Natur nach „alles“ umfasst? Keine Kinder kriegen heißt in dieser Wahrnehmung, dem Kósmos Leiden zu ersparen. Und das kann als ethisch gut empfunden werden.
Wer hat denn letztlich Schuld, dass die Stimmung fürs Kinderkriegen als Summe von alledem demnach insgesamt oft negativ ausfällt?
Benedikter: Wir müssen zusammenfassend betonen, dass die meisten dieser Punkte unbewusst wirken. Deshalb sind sie aber nicht weniger wirksam. Eine Teilschuld tragen hier neben Technologien und Zeitstimmung wohl auch die Medien. Sie sind aber nicht die Ursache, sondern nur die Botschafter einer Zeitstimmung, die sich allgemein mit der wachsenden Komplexität der Verbindung von Beschleunigung mit Ungewissheit, also: mit einer großen Vielzahl an möglichen Zukünften und unrealisierten persönlichen Lebensoptionen überfordert fühlt. Diese Überforderung überträgt sich auf den Einzelnen. Es ist aber in erster Linie eine wahrgenommene, nicht unbedingt eine faktische Überforderung.
Ist diese Entwicklung, im Ganzen besehen, ein Übergangsphänomen, oder weist sie auf eine dauerhafte strukturelle Transformation der westlichen Gesellschaft hin?
Benedikter: Dazu gibt es zwei Sichtweisen, die beide gute Argumente haben. Die eine Theorie der Soziologie stellt fest, dass der Einzelne durch neue Technologien zugleich immer stärker ermächtigt, aber auch austauschbarer wird. Dadurch entsteht ein fundamentaler innerer Widerspruch: Menschen fühlen sich einerseits grenzenlos wichtig, andererseits unbedeutend und ohnmächtig. Dieses Spannungsfeld fördert Verunsicherung. Es fördert den Rückzug ins Private und erschwert es, Verantwortung für Gesellschaft und Familie zu übernehmen. Ich schaue auf mich selbst, soweit es überhaupt noch geht. Denn schließlich sagen mir Werbung und Zeitgeist unaufhörlich: du hast keine Grenzen, du kannst alles tun, also tu es. Gleichzeitig bin ich depressiv, denn ich schaffe es nicht, alle meine Möglichkeiten auszuschöpfen.
Die erste Theorie der Soziologie besagt, diese Entwicklung liegt in der Gesetzmäßigkeit der Entwicklung moderner Gesellschaften zu immer mehr Ausdifferenzierung und Komplexität, und sie ist im Kern unumkehrbar, also eine lineare Entwicklung, die weitergehen wird.
Eine zweite, dem entgegengesetzte Theorie der Soziologie betrachtet Gesellschaften als zyklisch: Sie werden komplexer, es entstehen neue Subgesellschaften und zum Beispiel in Demokratien zusätzliche Mechanismen wie NGOs oder Bürgerinitiativen, die Gesellschaft über repräsentative Mechanismen hinaus komplexer machen. Sobald ein Sättigungsgrad erreicht ist, entstehen Gegenkräfte, die Komplexität abbauen wollen, dazu Vereinfachung als Prinzip einführen und zum Teil ultrakonservative Strukturen herstellen, die auf ultraprogressive Entwicklungen antworten.
Auf diese Weise wechseln liberale und konservative Phasen einander zyklisch ab, es ist ein großer Kreislauf. Laut dieser Theorie leben wir aktuell in einer Phase der Übersteigerung des progressiven Liberalismus, die sich allmählich in neokonservative, traditionellere Muster zurückbilden wird. Das würde die Rückkehr einer Mentalität des Kinderkriegens als Altersvorsorge und als Lebenssinn-Normalität begünstigen. Beide soziologischen Theorien – diejenige, die von einem unvermeidbaren Prozess spricht, der bei fortschreitender Modernisierung immer weitergeht, und diejenige, die besagt, es ist eher ein zyklischer Prozess -, haben ihre Stärken. Sie erklären einiges von verschiedenen Seiten her, aber beide sind natürlich nicht vollständig.
Kommen wir abschließend noch zu etwas praktischeren Aspekten. Spielt nicht auch Geld in der Entscheidung für oder gegen eine Familie eine Rolle angesichts eher niedriger Gehälter und gleichzeitigen Höchstpreisen für Wohnraum?
Benedikter: Ja, zweifellos. Die ökonomische Frage ist ein riesiges Thema geworden, gerade in Südtirols städtischen Räumen. Ich würde das unter dem Gesichtspunkt zusammenfassen, dass viele Menschen aufgrund wachsender Ängste vor Ungleichheit eine grundsätzliche Unsicherheit in der Planbarkeit ihres Lebens erleben. Stichwort: Verhältnis zwischen Einkommen und Lebenskosten. Das ist heute ein ganz zentrales Problem.
Welche weiteren sehen Sie?
Benedikter: Die Gleichstellungsfrage der Partner, die Kinder kriegen sollen. Wenn Frauen im Durchschnitt in Südtirol noch immer 17 Prozent weniger verdienen, ist das nicht gerade förderlich für ihre Bereitschaft, Kinder zu kriegen. Zumal die Kinderzeit noch immer zu wenig bezahlt wird.
Zu guter Letzt, so sagen Sie, stellt sich auch noch die Frage der „Erzählung“, was „in“ ist.
Benedikter: Ja, es stellt sich letztlich auch bei uns die Frage: Was ist eine moderne Familie? Die Erzählung lautet derzeit: Modern ist eher eine Patchworkfamilie, modern sind unkonventionelle Formen, zu denen eben auch keine Kinder gehören. Das ist eine Wahrnehmung, eine Erzählung, was modern ist. Diese Erzählung könnte eine vorübergehende sein, aber sie wirkt.
Was würden Sie zusammenfassend und im Ausblick sagen?
Benedikter: Aus meiner persönlichen Sicht, und das meine ich jetzt wirklich rein persönlich, bleiben Kinder das mit Abstand Wichtigste auf der Welt – und zwar auch für jene, die selbst keine Kinder haben. Denken wir nur an unsere Pensionssysteme, aber auch an einen gewissen Grund-Sinn unseres Menschseins, der auch bei einer Entscheidung gegen Kinder als Blaupause unseres In-der-Welt-Seins spürbar da ist. Unsere Staaten sollten deshalb grundsätzlich alles tun, um die Bereitschaft und den Mut zum Nachwuchs zu fördern. Die Entscheidung muss aber jedem einzelnen überlassen bleiben. Und wie immer diese Entscheidung auch ausfällt, hat sie die volle Würde und verdient sie unseren ganzen Respekt. Wichtig für den Lebenssinn sowohl von Kinderreichen wie von Kinderlosen ist aus meiner Sicht nur, dass es, soweit Kinderbefähigung gegeben ist, eine Entscheidung ist, nicht nur ein Vergehen der Zeit.
Zu Roland Benedikter
Roland Benedikter (61), Soziologe und Politikwissenschaftler, ist Co-Leiter des Zentrums für fortgeschrittene Studien an der Europäischen Akademie Bozen (EURAC); er hat den UNESCO-Lehrstuhl für interdisziplinäre Antizipation und global-lokale Transformation inne und ist ordentliches Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Forschungsinteressen: Übergeordnete Themen der Menschheit, inter- und transdisziplinäre gesellschaftliche Transformation, Zukunftskompetenz, Re-Globalisierung und Evolution globaler Institutionen, Glokalisierung, neue menschliche Technologien und Mensch-Maschine-Konvergenz.

