Beim Unternehmerempfang am Montag rief Alexander Rieper, Präsident des Unternehmerverbandes, zu einer sachlichen Debatte auf. Ein vernünftiger Appell. Aber Sachlichkeit braucht eine Grundlage – und genau die fehlt allzu oft. Wer heute über Löhne, Kaufkraft oder Vermögensverteilung spricht, diskutiert meist über Zahlen, die längst Staub angesetzt haben. Zwei, drei Jahre alt, manchmal noch älter. Zahlen also, die erzählen, wie die Lage einmal war – nicht, wie sie heute ist. Das ist kein Lohnproblem, sondern ein grundsätzliches Problem.
Politik und Institutionen stehen damit vor einer unattraktiven Wahl: Entweder sie handeln auf Verdacht – mit Bauchgefühl und groben Annahmen. Oder sie warten auf belastbare Daten und kommen erst dann in Bewegung, wenn sich die Realität längst verändert hat.
Gerade heute wirkt diese Verzögerung schwer erklärbar. In Unternehmen sind Umsätze, Kosten und Produktivität digital erfasst – oft in Echtzeit. Doch bei zentralen Fragen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung müssen wir uns mit groben Rückspiegelbildern begnügen. Das passt nicht mehr zusammen.
Einen einzelnen Schuldigen gibt es dafür nicht. Verlässliche Daten müssen oft mühsam zusammengetragen und sorgfältig geprüft werden – und sie setzen eine gute Vernetzung voraus. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein: Reicht das noch aus? Oder überspitzt gesagt: Können wir es uns wirklich leisten, bei so zentralen Themen dauerhaft im Blindflug unterwegs zu sein?

