Noch im Jänner hatten die oppositionellen Konservativen in den Umfragen einen Vorsprung von rund 25 Prozent, die Liberalen galten als chancenlos. Doch dann kam Trump in den USA an die Macht und sprach von Kanada als „51. Bundesstaat“. „Das haben viele Kanadier als respektlos empfunden“, sagte der ehemalige Politiker der konservativen deutschen CDU. Das Land sei daraufhin zusammengerückt und versammelte sich unabhängig von Parteizugehörigkeit hinter der kanadischen Flagge. „Ich habe selten eine so patriotische Stimmung erlebt“, versicherte Althusmann, einst stellvertretender Ministerpräsident in Niedersachsen, der APA.
Unmut richtete sich „ganz speziell auf Trudeau“
Zahlreiche Herausforderungen, die das zweitgrößte Land der Welt vor große Aufgaben stellen, sind angesichts der Bedrohung aus den USA in den Hintergrund gerückt. „Es gibt nach wie vor eine erhebliche Wohnungsnot, hohe Lebenshaltungskosten, große Herausforderungen bei der Migration und ein schwaches Gesundheitssystem“, sagte Althusmann.Die Verschiebung in der öffentlichen Debatte – in Richtung Schutz des Landes vor den USA – kam den Liberalen zu Gute. Besonders der ehemalige liberale Premierminister Justin Trudeau kämpfte mit unterirdischen Beliebtheitswerten, räumte aber im Jänner seinen Posten.
„Der Unmut der Kanadier richtete sich ganz speziell auf die Person des Premierministers (Trudeau, Anm.)“, sagte Althusmann. Sein Nachfolger Mark Carney sei dagegen so manchem Kanadier stärker als Zentralbankchef in Erinnerung, für andere sei der neue Premierminister offenbar eine „neutrale Person“, weil er noch nie ein politisches Mandat innehatte.
Zudem werde Carney zugeschrieben, liberale Defizite in der Finanzpolitik abzudecken. „Seine Gegner werfen ihm aber vor, ein politisch unerfahrener Bürokrat zu sein“, sagte Althusmann.
Seinem Gegenspieler, dem konservativen Oppositionsführer Pierre Poilievre, wird vorgehalten, dass er vor dem Konflikt mit den USA „selbst ein wenig wie Trump“ auftrat, sagte der ehemalige Politiker. „Andere sehen in ihm einen Neuanfang für Kanada nach zehn Jahren Trudeau.“ Poilievre gilt als Scharfmacher, der mit einfachen, eingängigen Slogans („Canada First“) Wahlkampf macht, von einem Kampf gegen Fake News und die „woke Ideologie“ spricht und seinen politischen Gegnern Spitznamen gibt.
Experte rechnet mit „viel tieferer Zusammenarbeit“ mit EU
Trotz der vermeintlich deutlichen Führung der Liberalen in den Umfragen sei noch nichts entschieden, warnte der KAS-Experte. Auf den letzten Metern könne „noch viel passieren“. Entscheidend werde sein, wer eine glaubhafte emotionale Bindung zum Wähler aufbaut. „Wem trauen die Kanadier in dieser Krise am ehesten zu, das Land sicher und umsichtig zu führen. Das scheint nahezu alle inhaltlichen Herausforderungen zu überlagern“, so Althusmann.Trotz der Differenzen seien sich Carney und Poilievre bei vielen Dingen einig, etwa bei einer harten Linie gegen die US-Zölle, der militärischen Unterstützung der Ukraine oder einer stärkeren Kooperation mit der EU. „Gerade im Bereich der Energien, der Rohstoffe, der Technologien oder der Verteidigungsindustrie rechne ich mit einer viel tieferen Zusammenarbeit“, sagte Althusmann auf Kanadas Schwenk nach Europa angesprochen. Carney hatte im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger nicht Washington, sondern Paris und London für seine erste Auslandsreise gewählt. Mit einem EU-Beitritt des „europäischsten Landes außerhalb Europas“ rechnet Althusmann aber nicht.

