Samstag, 28. Februar 2026

„Social Media ist kein Kinderspiel“

„Gegen die Geschäftslogik der Plattformen kommt individuelle Erziehung nur begrenzt an.“ Ein Kommentar von „Dolomiten“-Redakteur Rainer Hilpold.

Rainer Hilpold: „Ich gebe zu, auch ich habe Social Media lange unterschätzt.“

Es war Zeit. Seit Wochen wird in Europa ernsthaft über Altersgrenzen und Verbote für soziale Netzwerke diskutiert. Deutschland steuert in diese Richtung, in Italien liegt ein Gesetzentwurf vor. Frankreich hat ein Gesetz beschlossen, das soziale Netzwerke für unter 15-Jährige grundsätzlich untersagt – vorbehaltlich der Umsetzung. Auch Spanien prüft strengere Alterslimits. Die Details unterscheiden sich. Das Ziel ist ähnlich: Kinder schützen. Die Debatte kommt spät. Aber sie kommt.

Ich gebe zu, auch ich habe Social Media lange unterschätzt. Nicht, weil ich es für einen vorübergehenden Hype hielt. Sondern weil ich glaubte, es würde sich einpendeln – auf ein vernünftiges Maß. Das Gegenteil ist eingetreten. Plattformen sind nicht maßvoller geworden. Sie sind dominanter geworden. Und sie greifen immer früher in eine Lebensphase ein, in der Identität und Selbstwert erst entstehen.

Studien zeigen seit Jahren einen Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung sozialer Medien und psychischer Belastung bei Kindern und Jugendlichen. Doch die Diskussion verengt sich häufig auf Extreme: Hass, Cybermobbing, Sucht. Das eigentliche Problem liegt tiefer. Es ist ein System, das gezielt menschliche Verwundbarkeiten nutzt. Algorithmen belohnen Reiz, Vergleich und Dauerpräsenz. Wer jung ist, ist dafür besonders empfänglich.

Eine verbindliche Altersüberprüfung wäre ein erster Schritt. Ja, sie lässt sich mit etwas technischem Geschick umgehen. Aber sie setzt ein klares Signal.
Rainer Hilpold


Begleiten und erklären reicht deshalb nicht. Eltern leisten viel. Aber sie stehen Instrumenten gegenüber, die von einigen der klügsten Köpfe der Welt entwickelt wurden – mit einem klaren Ziel: Aufmerksamkeit zu binden. Gegen diese Logik kommt individuelle Erziehung allein nur begrenzt an. Für Spielplätze gelten Sicherheitsnormen. Schulbücher werden pädagogisch geprüft. Digitale Räume entstehen nicht nach vergleichbaren kindgerechten Maßstäben.

Eine verbindliche Altersüberprüfung wäre ein erster Schritt. Ja, sie lässt sich mit etwas technischem Geschick umgehen. Aber sie setzt ein klares Signal: Unter einem gewissen Alter ist die Nutzung nicht harmlos. Sie ist riskant. Und sie entlastet Eltern, die bisher allein gegen ein strukturelles Problem ankämpfen.

Was die nationalen Vorstöße außerdem tun: Sie senden ein Signal nach Brüssel. Die EU-Kommission wirkt in dieser Frage seit Jahren zögerlich – auch aus Sorge vor Gegenreaktionen aus den USA, wo der Großteil der Plattformen sitzt. Hier müssen die Ebenen getrennt werden. Europas technologische Abhängigkeit von amerikanischen Konzernen ist real und kurzfristig kaum zu ersetzen. Das ist eine wirtschaftspolitische Debatte. Der Schutz von Kindern ist eine andere.

Die Frage ist heute nicht mehr, ob soziale Netzwerke Teil unserer Gesellschaft sind. Das sind sie längst. Entscheidend ist, wie stark wir zulassen, dass ihr Geschäftsmodell unser Gesellschaftsmodell prägt.

rainer.hilpold@athesia.it

stol

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