Jurypräsident Wim Wenders sagte, man könne den Film als furchtbare Vorahnung verstehen, „als einen Blick in die nahe Zukunft, die möglicherweise auch in unseren Ländern passieren könnte. (...) Er ging uns allen unter die Haut, die in ihrem Land oder in ihrer Nachbarschaft die Zeichen der Willkür sehen.“ Mit Çatak hat erstmals seit mehr als 20 Jahren der Film eines deutschen Regisseurs die wichtigste Auszeichnung des Filmfestivals erhalten. Zuletzt hatte „Gegen die Wand“ von Fatih Akin im Jahr 2004 den Goldenen Bären gewonnen.
„Kurtuluş“ erhält Jurypreis
Der Große Preis der Jury ging an die Tragödie „Kurtuluş“ („Salvation“) des Türken Emin Alper. Stilistisch an einen Western erinnernd, handelt der Film vom mörderischen Kampf zweier Dorfgemeinschaften gegeneinander. Das Demenzdrama „Queen at Sea“ des Amerikaners Lance Hammer wurde mit zwei Preisen ausgezeichnet. Der Film erhielt den Preis der Jury, zudem gewannen die Briten Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay gemeinsam einen Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle. Calder-Marshall spielt eine demenzkranke Frau, Courtenay ihren Ehemann.Den Silberner Bären für die Beste Regie nahm Grant Gee für das Jazzmusiker-Porträt „Everybody Digs Bill Evans“ entgegen. Die Kanadierin Geneviève Dulude-de Celles bekam einen Silbernen Bären für das Drehbuch des Spielfilms „Nina Roza“. Für eine herausragende künstlerische Leistung wurde der Film „Yo (Love is a Rebellious Bird)“ der US-Amerikaner Anna Fitch und Banker White geehrt.
Politische Statements
Die Preisgala war ebenso wie schon das Festival von politischen Statements insbesondere zum Gaza-Konflikt geprägt. Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib, dessen Film „Chronicles of the Siege“ als bestes Spielfilmdebüt ausgezeichnet wurde, entfaltete eine Palästinenser-Flagge und nutzte seine Dankesrede ebenso wie Emin Alper und die Libanesin Marie-Rose Osta (Goldener Bär für den Besten Kurzfilm) für politische Statements.Alkhatib sprach von deutscher Beihilfe zu einem Genozid in Gaza. Der deutsche Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) distanzierte sich von der Rede. Er sei als einziger Vertreter der Bundesregierung bei der Gala gewesen und habe während der Rede den Saal verlassen, teilte ein Sprecher seines Ministeriums mit. Schneider halte die Aussagen „für nicht akzeptabel“.
Alper rief den Menschen in Gaza, im Iran und dem kurdischen Volk zu: „Ihr seid nicht allein!“ Moderatorin Désirée Nosbusch versicherte von der Bühne herab in Richtung Zwischenrufer: „Ich bin mir sicher, dass unsere Herzen bei all den Menschen sind, die leiden, sei es durch Kriege oder durch Terrorismus.“
Während des Festivals wurde diskutiert, wie politisch sich Filmschaffende äußern sollten. Dabei ging es mehrfach um den Nahostkonflikt. In einem offenen Brief hatten Filmschaffende der Berlinale vorgeworfen, sich nicht ausreichend zum Gaza-Krieg zu positionieren.
Aufruf zu Zusammenhalt
Wenders war unter anderem für die Aussage kritisiert worden, Filmschaffende sollten sich aus der Politik heraushalten. Bei der Preisverleihung würdigte er die Arbeit politischer Aktivisten und rief zu Zusammenhalt auf: „Wie die Filme der Berlinale deutlich zeigen, applaudieren euch die meisten von uns Filmemachern. Wir alle applaudieren euch. Ihr macht eine notwendige und mutige Arbeit, aber muss sie in Konkurrenz zu uns stehen? Müssen unsere Sprachen aufeinanderprallen?“Festivalchefin Tricia Tuttle sagte: „Wir sind in diesem Jahr auch öffentlich herausgefordert worden, und das ist gut so. Es hat sich nicht immer gut angefühlt, aber es ist gut, weil es bedeutet, dass die Berlinale den Menschen wichtig ist.“ Kritik und das Einbringen von Meinungen seien Teil der Demokratie.

