„Das Prinzip ist eigentlich nicht neu“, sagt Dr. Peter Mazzurana, Experte für regenerative Medizin und Sanitätsdirektor an der Marienklinik in Bozen. „Der Körper hat enorme Selbstheilungskräfte, und es ist schon länger bekannt, dass körpereigenes Gewebe sich reparieren oder Regenerationsprozesse steuern kann.“ Durch intensive Forschungen, verfeinerte Techniken und wachsende Erfolge hat sich die regenerative Medizin in den letzten Jahren rasant entwickelt – und ist heute aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken, von der Ästhetik über die Neurochirurgie und Kardiologie bis hin zur Orthopädie.
Dr. Peter Mazzurana behandelt in der Marienklinik seit fast zehn Jahren Patientinnen und Patienten, deren Gelenke, Sehnen, Bänder oder Knorpel durch Abnützung, Verletzung oder Alter geschädigt sind – häufig nicht mit Skalpell, sondern mit Spritze. Er verwendet dafür die Stammzellentherapie: Aus körpereigenem Gewebe – meist aus dem Unterhautfett – werden Stammzellen gewonnen, die noch fähig sind, sich in verschiedene Zelltypen zu verwandeln. „Dafür wird Fett abgesaugt, meist am Unterbauch, und daraus mit physikalischen und biochemischen Verfahren die sogenannten mesenchymalen Stammzellen isoliert“, erklärt Dr. Mazzurana, der Mitglied der italienischen Gesellschaft für regenerative Medizin ist. Dieses fast reine Zellgewebe wird mit einer Spritze gezielt in das geschädigte Gewebe injiziert. „Dort verwandeln sich die Stammzellen in Knorpel-, Sehnen- oder Knochenzellen, und helfen so, geschädigtes Gewebe zu erneuern.“
Minimalinvasiver Eingriff von rund einer Stunde
Der Eingriff erfolgt minimalinvasiv und unter leichter Sedierung, dauert insgesamt rund eine Stunde und ist – im Gegensatz zu Operationen und künstlichen Gelenken – mit nur sehr geringen Risiken verbunden. Die häufigste „Nebenwirkung“ sei ein kleiner Bluterguss an der Entnahmestelle. „Nach zwei Stunden gehen die Patienten zu Fuß wieder nach Hause“, erzählt Mazzurana.Der Experte betont jedoch, dass Stammzellen „kein Wundermittel“ seien. „Es wächst kein neues Gelenk nach“, stellt er klar. Besonders gut wirken die Zelltherapien deshalb in frühen und mittleren Stadien von Verschleißerkrankungen. Bei fortgeschrittenen arthrotischen Veränderungen könne die Therapie hingegen höchstens Schmerzen lindern, „Achsenfehlstellungen oder grobe Defekte können dann nicht mehr mit der Stammzellentherapie korrigiert werden“.
Gelenkersatz vermeiden oder hinauszögern
Entscheidend ist laut dem Bozner Regenerationsexperten die richtige Indikation: „Man muss den Patienten genau untersuchen, die exakte Diagnose stellen und die passende Zelle auswählen.“ Dann seien die Erfolgschancen groß. Dr. Mazzurana spricht von 80 bis 85 Prozent – gemessen an Schmerzfreiheit, Beweglichkeit und Wohlbefinden. „Die meisten Patienten und Patientinnen spüren nach sechs bis acht Wochen eine Besserung, also dass es beim Stiegensteigen nicht mehr kracht oder sie besser sitzen können“, erklärt der Fachmann. „Wenige berichten das schon früher, einige erst ab der zehnten bis zwölften Woche.“ Über bildgebende Verfahren zeigen sich messbare Gewebeveränderungen nach vier bis acht Monaten.Wer frühzeitig behandelt, kann mitunter sogar eine Operation und einen Gelenkersatz vermeiden oder hinauszögern. Und auch das Risiko ist gering: „Die Zellen stammen aus dem eigenen Körper – da gibt es praktisch keine Abstoßungsreaktionen“, erklärt Dr. Mazzurana. Dass die Methode immer populärer wird, wundert ihn nicht. „Sie ist seriös, wissenschaftlich fundiert und nutzt das, was die Natur uns ohnehin gegeben hat: die Fähigkeit, uns selbst zu heilen.“ Und wenn die Diagnostik und die Indikation stimmen, rechnet sie sich in vielerlei Hinsicht – nicht nur medizinisch.

