Montag, 29. September 2025

Das Leid, das aus dem Schatten muss

„Ich dachte jahrelang, ich sei einfach empfindlich“, sagt Anna, 32. Schon als Teenager krümmte sie sich während ihrer Periode vor Schmerzen, verpasste Schultage, später Arbeitstage. Schmerztabletten halfen kaum. „Die Ärzte sagten mir immer wieder, das sei normal.“ Erst nach fast zehn Jahren bekam sie die Diagnose: Endometriose. Damit ist sie nicht allein – jede siebte Frau ist betroffen. Und doch ist die Krankheit eine der am meisten unterschätzten in der Frauenmedizin.

Schmerzen, die kaum vorstellbar sind und Frauen in ihrem Leben enorm beeinträchtigen – das ist charakteristisch für Endometriose. Shutterstock/ - Foto: © Shutterstock / shutterstock



Frauen wie Anna kennt Dr. Martin Steinkasserer, Primararzt für Gynäkologie und Geburtshilfe am Krankenhaus Bozen, viele. Und es ist für ihn immer noch unverständlich „und auch beschämend, dass viele Medizinerinnen und Mediziner noch nicht in der Lage sind, eine Diagnose in einer adäquaten Zeit zu stellen, bei einer nicht seltenen Krankheit, die klassische Symptome zeigt“.

Viele leiden nicht nur unter massiven Schmerzen, sondern oft auch unter dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.
Dr. Martin Steinkasserer


Tatsächlich vergehen bis zu zehn Jahre, bis Patientinnen endlich Gewissheit haben. Gewissheit, dass es eben nicht „nur schlimmere Regelschmerzen“ sind. Und Gewissheit, dass sie unter keiner psychischen Krankheit leiden, wie man ihnen mitunter weismachen will. „Diese Zeit ist für die Frauen verlorene Lebensqualität“, betont Dr. Steinkasserer auch im gerade erschienenen Buch „Endometriose-Sprechstunde“.

„Viele leiden nicht nur unter massiven Schmerzen, sondern oft auch unter dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.“ Dadurch werden sie in einen psychischen Ausnahmezustand manövriert, der sie an sich und ihrer Wahrnehmungsfähigkeit zweifeln lässt. Dabei ist Endometriose keine seltene Krankheit, sondern eine, die schlicht zu wenig Aufmerksamkeit bekommt – in der Öffentlichkeit wie auch von vielen Ärztinnen und Ärzten.

Verirrte Schleimhautzellen

Endometriose bedeutet, dass Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter wächst – an den Eierstöcken, am Bauchfell oder sogar an Darm und Blase. Dieses Gewebe durchläuft wie die normale Schleimhaut der Gebärmutter den Monatszyklus: Es baut sich auf und blutet wieder ab – doch das Blut kann nicht abfließen. Das verursacht Entzündungen, Verwachsungen und extreme Schmerzen.

„Viele Frauen leiden so stark, dass sie im Alltag kaum noch funktionieren“, verdeutlicht der Gynäkologe. Die Schmerzen belasten extrem, weil sie meist anhaltend sind und sich mit der Zeit hinsichtlich Dauer und Lokalisation ausdehnen. „Je länger Endometriose unentdeckt und unbehandelt bleibt, desto größer ist das Risiko einer Chronifizierung – viele Patientinnen leiden daher früher oder später unter Dauerschmerzen.“

Dazu kommen sehr häufig Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, atypische Blutungen, Verdauungsbeschwerden, psychische Belastungssymptome – bis hin zu unerfülltem Kinderwunsch. „Letzterer ist oft der Grund, warum die Krankheit überhaupt entdeckt wird“, sagt Dr. Steinkasserer.

Dabei sollte ein Gynäkologe bzw. eine Gynäkologin bereits durch genaues Hinhören und eine präzise Erhebung der Symptome sowie der Umstände ihres Auftretens eine Endometriose zumindest in Betracht ziehen können. Eine eingehende körperliche Untersuchung und ein Ultraschall sollten die Verdachtsdiagnose absichern. „Eine Bauchspiegelung, also ein operativer Eingriff, ist heute nicht mehr zwingend notwendig“, stellt der Experte klar.

Behandlung statt Heilung

Heilbar ist Endometriose noch nicht. Doch die Medizin hat Möglichkeiten, die Beschwerden zu lindern: Schmerztherapien, hormonelle Medikamente, Operationen und komplementärmedizinische Maßnahmen. „Oft hilft eine Kombination mehrerer Behandlungen“, sagt Dr. Steinkasserer.

Wichtig sei, Patientinnen ernst zu nehmen und individuell zu betreuen – denn Endometriose verlaufe bei jeder Frau anders. „Ich behaupte: Jeder Frau kann geholfen werden! Die Schmerzen werden vielleicht nicht ganz verschwinden, aber eine Verbesserung ist möglich – und genau darum geht es: Gut leben mit und trotz Endometriose“, betont der Gynäkologe.


Das Buch „Endometriose-Sprechstunde. Empfehlungen aus der Facharzt-Praxis. Was wirklich hilft!“ wird am heutigen Montag, 29. September, dem Endometriosetag, in der Athesia-Buchfiliale in Bozen vorgestellt. 18 Uhr


wib

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