Montag, 24. November 2025

Wie wir unsere starken Jahre verlängern

Seit jeher hofft der Mensch auf ein langes Leben. Und tatsächlich erreichen heute so viele Menschen ein hohes Alter wie nie zuvor. Doch dieser Fortschritt hat einen Haken: Es sind vor allem die schwachen, kranken Jahre, die zunehmen – nicht die gesunden. Damit sich dies ändert, müsse man frühzeitig eingreifen – durch gezielte und regelmäßige Vorsorge, sagt Dr. Christian Raffeiner, Facharzt für Allgemeinchirurgie in der Martinsbrunn Parkclinic in Meran.

Viele Krankheiten ließen sich vermeiden – durch einen gesunden Lebensstil, aber auch durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Martinsbrunn Parkclinic



122 Jahre und 164 Tage alt wurde die Französin Jeanne Calment, die 1997 starb – bis heute der nachweislich älteste Mensch. Rund 120 Jahre gelten daher als biologische Obergrenze für den Menschen. Dass heute mehr Menschen als früher ein höheres Alter erreichen, hat viele Gründe: eine geringere Säuglingssterblichkeit, bessere Hygiene, Wohn- und Arbeitsbedingungen, Ernährung, Wohlstand – und große Fortschritte in der Akutmedizin.
Doch hinter dieser Entwicklung steckt ein Problem, das in Seniorenheimen und Pflegestationen sichtbar wird: „Nicht die ,starke‘ Lebensphase des Menschen hat sich verlängert, sondern die ,schwache‘, das Altsein“, erklärt Dr. Raffeiner. Die gewonnenen Jahre sind häufig jene, in denen chronische Leiden dominieren – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Osteoporose oder neurodegenerative Erkrankungen.

Viele Krankheiten des Alters sind das Produkt von Risikofaktoren, die jeder für sich leicht einzudämmen oder zu eliminieren ginge. Daraus erfolgt der logische Schluss, dass wir früher eingreifen müssen, um länger ohne Krankheiten leben zu können.
Dr. Christian Raffeiner, Facharzt für Allgemeinchirurgie


„Diese Krankheiten beginnen leise und schleichend, oft Jahrzehnte, bevor wir etwas bemerken“, warnt der Arzt. Wenn Symptome auftreten, ist es häufig zu spät für eine Heilung. Dann gelingt oft nur noch Schadensbegrenzung – teuer, langwierig und belastend. Für Betroffene, Angehörige und das Gesundheitssystem. Weil häufig Pflegebedürftigkeit die Folge ist.

Trotz enormer Forschungsanstrengungen reichen die Erfolge der Medizin nicht aus. „Nur bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen konnte die Sterblichkeitsrate deutlich gesenkt werden“, sagt der Facharzt. Dagegen sei die Sterblichkeitsrate bei Krebs nicht wesentlich zurückgegangen und hat die Herzkrankheiten bereits überholt. Diabetes steige weiter an. Und für Alzheimer und ähnliche neurodegenerative Erkrankungen fehle weiter eine wirksame Behandlung. „Das wird uns im demographischen Wandel noch vor große Herausforderungen stellen.“
Diesen Alterskrankheiten gemeinsam ist, dass sie aus mehreren Risikofaktoren entstehen, die sich mit der Zeit addieren und anhäufen.

Früher ansetzen – nicht später reparieren

Die gute Nachricht: Vieles davon ist leicht einzudämmen oder sogar zu eliminieren. Dr. Raffeiners Schluss: „Wir müssen viel früher eingreifen – nicht vordergründig, um das Leben zu verlängern, sondern um die gesunden Jahre zu vermehren.“
Zwei Wege führen dorthin: Ein gesunder Lebensstil, der Risikofaktoren deutlich reduziert (siehe eigene Meldung) und ein Umdenken in der Medizin: „Wir müssen die Kräfte stärker auf Früherkennung als auf späte Behandlung konzentrieren“, sagt Dr. Raffeiner. Regelmäßige Check-ups sollen Risikofaktoren erkennen, bevor Krankheiten entstehen oder gefährlich werden. Moderne Technologien wie personalisierte Medizin, genetische Analysen und KI-gestützte Gesundheitsdaten eröffnen neue Möglichkeiten, Risiken früh aufzuspüren.

Doch Vorsorge kann auch Nachteile haben. „Es gibt Überdiagnosen – Befunde, die nie gefährlich geworden wären“, warnt Dr. Christian Raffeiner. Prostatakrebs sei ein klassisches Beispiel. Auch falsch-positive oder falsch-negative Befunde oder die psychische Belastung bei unheilbaren Diagnosen spielen eine Rolle. „Welche Untersuchungen wann sinnvoll ist, muss deshalb sorgfältig abgewogen werden“, betont der Facharzt.

wib

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