Der arme Jannik Sinner kann einem leidtun: Da wird er beinahe im Wochenrhythmus dazu genötigt, vor der italienischen Öffentlichkeit seine „Italianità“ zu erklären, was schon traurig genug ist. Und jetzt wird er auch noch von einigen Südtiroler Landsleuten unter „Friendly Fire“ genommen.
Der Grund? Der Sextner hat sich erdreistet, in einem Interview zu erklären, dass er froh ist, in Italien geboren zu sein und nicht in Österreich oder anderswo. Ich habe mir den TV-Beitrag angesehen und würde die kritisierte Aussage unter Berücksichtigung des Kontexts, in dem sie gefallen ist, so übersetzen: Jannik Sinner ist froh, Südtiroler zu sein.
Der Vergleich mit Österreich war zwar unnötig und rührt wohl daher, dass er für seine Neider und Hater im Stiefelstaat immer der „Austriaco“ bleiben wird. Aber ihm nun aus dieser unglücklichen Aussage einen Strick zu drehen und so zu tun, als hätte er das Vaterland beleidigt, das man nun (be)schützen müsse, scheint mir ein sehr konstruierter „Skandal“ zu sein.
Laut dem Schützenkommandanten war es nur „ein sehr freundlicher Brief“ an den Jannik Sinner, den man als Sportler sehr schätze. Aber wenn der Brief so freundschaftlich gut gemeint war, als kumpelhafter Ratschlag sozusagen, von Landsmann zu Landsmann, weshalb musste er dann „offen“ sein, also vor aller Welt veröffentlicht werden?
Weshalb muss Jannik Sinner sich jetzt in den (un)sozialen Medien auf der Seite des Schützenbundes in Kommentaren als „Volksverräter“ und „Judas“, einer, „mit einer Filzkugel im Hirn“, beschimpfen lassen, „der auf das Grab seiner Väter spuckt“?
Warum muss jeder bierdunstbeseelte Stammtisch-Schmarrn, für den sich ein halbwegs zivilisierter Mensch nur fremdschämen kann, plötzlich in alle Welt hinausgeblasen werden? Und warum weisen die Schützen diese völlig entgleisten Kommentatoren nicht in die Schranken? War das Ziel des offenen Briefes, Hass und Hetze zu schüren? Na, dann hat er bestens funktioniert.
Jannik Sinner ist nicht nur ein überragender Sportler, um den uns alle beneiden. Er ist mit seiner Willensstärke, seiner Empathie und seiner Demut auch ein Vorbild für Menschen in aller Welt, nicht nur für Sportler. Von seinem Charakter könnten sich einige der jetzt geifernden Patri(di)oten wohl eine Scheibe oder zwei abschneiden.
klaus.innerhofer@athesia.it


Nachzulesen unter schuetzen.com
Dass ausgerechnet dieser Brief nun als "Stammtisch-Schmarrn", "Beleidigung", "Hass und Hetze" oder gar "Angriff" dargestellt wird, sagt weniger über den Schützenbund - sondern mehr über den Herrn Innerhofer aus.
Die zentrale Frage, die der Schützen-Brief thematisiert, ist einfach und legitim: Welche Wirkung haben öffentliche Aussagen über nationale Zugehörigkeit in einem Minderheitengebiet? Das darf man ansprechen - höflich, argumentativ, unaufgeregt. Genau das haben wir getan.
Der Versuch, daraus einen Skandal zu konstruieren, ist künstlich...