Die Vorstellungen über den Inhalt der Gespräche gehen jedoch weit auseinander. Für den Libanon stehe die Verkündung einer Waffenruhe sowie die Festlegung eines Startdatums für bilaterale Verhandlungen im Mittelpunkt, hieß es aus dem libanesischen Präsidialamt. Kulturminister Ghassan Salameh erklärte am Sonntag, eine Waffenruhe sei das einzige inhaltliche Thema, über das Moawad verhandeln dürfe. Einem ranghohen libanesischen Regierungsvertreter zufolge ist eine Feuerpause die Voraussetzung für ein umfassenderes Abkommen.
Israel lehnt dies jedoch ab. Regierungssprecherin Shosh Bedrosian teilte am Montag mit, eine Waffenruhe werde nicht diskutiert. Vielmehr gehe es um die Entwaffnung der Hisbollah und den Aufbau friedlicher Beziehungen. Einem israelischen Insider zufolge wird Israel zudem fordern, dass der Libanon Hisbollah-Minister aus der Regierung entlässt. Zwar hat Israel einem weiteren Insider zufolge seine Angriffe im Vorfeld der Gespräche reduziert und seit dem 8. April Ziele in Beirut ausgespart. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und andere Regierungsvertreter ließen jedoch offen, ob Israel zu einem Rückzug aus dem Libanon bereit ist, wo die Armee eine Pufferzone gegen die Hisbollah errichten will.
Normalisierung in Aussicht gestellt
Die aktuelle Eskalation hatte am 2. März begonnen, als die Hisbollah drei Tage nach Beginn des US-israelischen Krieges gegen den Iran Raketen auf Israel abfeuerte. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und weitete eine Bodenoffensive im Südlibanon aus. Hunderttausende Libanesen wurden aufgefordert, aus mutmaßlichen Hisbollah-Hochburgen zu fliehen. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden bei den israelischen Angriffen mehr als 2000 Menschen getötet, darunter 252 Frauen und 166 Kinder.Die Hisbollah veröffentlicht keine eigenen Verlustzahlen, Insidern zufolge wurden jedoch seit Anfang März mehr als 400 ihrer Kämpfer getötet. Auf israelischer Seite kamen nach Regierungsangaben zwei Zivilisten und 13 Soldaten ums Leben. Die Hisbollah zielte mit ihren Raketen vor allem auf grenznahe israelische Städte, nahm jedoch auch Metropolen wie Haifa und Tel Aviv unter Beschuss.
Bereits eine Woche nach Ausbruch der Kämpfe hatte der libanesische Präsident Joseph Aoun direkte Verhandlungen mit Israel angeboten und sogar eine Normalisierung der Beziehungen in Aussicht gestellt. Israel wies dies zunächst zurück, da die libanesische Regierung zwar das Ziel einer Entwaffnung der Hisbollah teile, jedoch aus Angst vor einem Bürgerkrieg nicht gegen die Miliz vorgehen könne. Erst nach der Einigung zwischen den USA und dem Iran auf eine Waffenruhe am 7. April änderte Israel seine Haltung.
Formell im Kriegszustand
Netanyahu kündigte zwei Tage später den Beginn von Verhandlungen an. Im Libanon wächst derweil der innenpolitische Druck auf die Hisbollah. Im März verbot die Regierung der Miliz militärische Aktivitäten. Die Entwaffnung der Gruppe, die über ein gewaltiges Arsenal verfügt und von einem großen Teil der schiitischen Bevölkerung unterstützt wird, stellt den ohnehin fragilen Staat jedoch vor eine enorme Herausforderung.Der aktuelle Krieg folgt auf eine militärische Auseinandersetzung im Zuge des Gazakriegs, die mit einem von den USA vermittelten Abkommen zur Entwaffnung der Hisbollah endete. Die libanesische Regierung wies die Armee an, ein staatliches Gewaltmonopol durchzusetzen – ein Vorhaben, das aus israelischer Sicht gescheitert ist. Die Hisbollah weigert sich, ihre Waffen abzugeben, und betrachtet diese als Teil der nationalen Verteidigung.
Israel und der Libanon unterhalten keine formellen diplomatischen Beziehungen und befinden sich seit der israelischen Staatsgründung 1948 formell im Kriegszustand. Israel hielt den Südlibanon von 1982 bis 2000 besetzt. In jüngerer Vergangenheit gab es jedoch Annäherungen: 2022 schlossen beide Länder unter US-Vermittlung ein Abkommen über ihre Seegrenze. Im Dezember 2025 führten sie im südlilbanesischen Nakura indirekte Gespräche, um das Abkommen zur Beendigung der Kämpfe von 2024 zu festigen.

