Montag, 23. März 2026

Italien lehnt Justiz-Reform ab – Was Meloni und Kompatscher dazu sagen

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat sich mit ihren Plänen für einen grundlegenden Umbau der Justiz eine schwere Niederlage eingehandelt. In einer Volksabstimmung lehnten die Italiener das Vorhaben von Melonis Koalition mit klarer Mehrheit ab. Das Nein-Lager siegte mit 53,34 Prozent. Mit Ja – also für eine Reform – stimmten 46,66 Prozent.

Das Nein beim Justiz-Referendum gewinnt. Giorgia Meloni gestand ihre Niederlage noch am Nachmittag ein. - Foto: © APA/afp / STEFANO RELLANDINI

Meloni gestand ihre Niederlage noch am Nachmittag ein. In einem kurzen Video sagte sie: „Die Italiener haben entschieden. Und wir werden diese Entscheidung respektieren.“ Zugleich sprach die Vorsitzende von Fratelli d'Italia von einer „verlorenen Chance zur Modernisierung Italiens“. Zu Forderungen aus der Opposition nach ihrem Rücktritt sagte Meloni, sie werde ihre „Arbeit zum Wohl der Nation“ fortsetzen.

Anderthalb Jahre vor der nächsten regulären Parlamentswahl bedeutet das klare Nein der Italiener für die 49-Jährige, die seit Herbst 2022 regiert, einen ersten schweren Dämpfer.

Giorgia Meloni hier auf eine Videoaufnahme kurz nach Bekanntwerden des Referendum-Ergebnisses: „Die Italiener haben entschieden. Und wir werden diese Entscheidung respektieren.“ - Foto: © ANSA / INSTAGRAM/GIORGIA MELONI



In dieser Größenordnung kam er auch unerwartet. Die meisten Experten hatten bei dem Referendum mit einem knappen Ausgang gerechnet. In allen Umfragen liegt Meloni mit den Fratelli bislang weit vor allen anderen Parteien. Sie regiert in Rom jetzt schon länger als fast alle anderen bisherigen Regierungschefs.

Kritiker fürchten um Unabhängigkeit der Justiz

Melonis Koalition aus drei rechten und konservativen Parteien hatte sich zum Ziel gesetzt, das Justizsystem in entscheidenden Punkten umbauen. In den vergangenen Monaten überzog die Ministerpräsidentin Richter und Staatsanwälte mit massiver Kritik.

Insbesondere warf sie der Justiz vor, die „Bekämpfung der illegalen Massenmigration“ zu sabotieren, wie sie das nennt. Vize-Regierungschef Matteo Salvini von der rechten Partei Lega sprach sogar von „kommunistischen Richtern“, denen das Handwerk gelegt werden müsse.

Kritiker sahen durch die Reform die Unabhängigkeit von Richtern und Staatsanwälten in Gefahr. Die sozialdemokratische Oppositionsführerin Elly Schlein erhofft sich von dem Erfolg bei dem Referendum nun auch zusätzlichen Schwung für den bevorstehenden Wahlkampf. Allerdings dürfte dies nicht einfach werden. Auch früher hatten Italiens Wähler bei Volksabstimmungen meist gegen Änderungen ihrer Verfassung von 1948 gestimmt.

Niederlage in dieser Größenordnung unerwartet

In den Umfragen liegt Meloni mit ihrer Rechtspartei seit Monaten stabil bei etwa 30 Prozent, gefolgt von den Sozialdemokraten mit etwa 22 Prozent. Im Vergleich zu anderen Regierungschefs in Europa ist sie verhältnismäßig wenig umstritten. Die Niederlage bei der Abstimmung hatte in dieser Größenordnung kaum jemand erwartet.

Die beiden Kammern des Parlaments hatten dem Vorhaben bereits zugestimmt. Weil für die Justizreform jedoch die Verfassung geändert werden muss, lag die Entscheidung am Sonntag und Montag beim Volk.

Die Wahlbeteiligung war mit annähernd 59 Prozent für eine Volksabstimmung sehr hoch. Das Referendum galt auch als Stimmungstest vor der nächsten Parlamentswahl, die für Herbst 2027 geplant ist. Wahlberechtigt waren mehr als 46 Millionen Bürger.

Italiens Spitzenpolitiker bei der Stimmabgabe – für Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (links oben) ist das Nein ein herber Rückschlag. <?ZP?><?ZP?> - Foto: © ANSA / -

Italiens Rechte beschwert sich seit Jahrzehnten über „rote Roben“

Italiens Rechte klagt seit Jahrzehnten darüber, dass große Teile der Justiz aufseiten der Linken stünden. Bereits der inzwischen verstorbene Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der auch selbst mehrfach vor Gericht musste, beschwerte sich immer wieder über „rote Roben“. Die Opposition und auch mehrere Juristenverbände werfen der Ministerpräsidentin hingegen vor, sich die Justiz gefällig machen zu wollen.

Kern von Melonis Plänen war, die Laufbahnen von Richtern und Staatsanwälten zu trennen, so wie das in den meisten europäische Ländern üblich ist. Zudem sollte es neue Selbstverwaltungsorgane geben. An deren Besetzung sollte das Parlament beteiligt werden. Damit hätte die Politik mehr Einfluss auf Personalentscheidungen bekommen.

Verfahren dauern deutlich länger als in anderen Ländern

Bei allem Streit sind sich die meisten einig darin, dass es im Justizsystem tatsächlich Reformbedarf gibt. In Italien dauert es deutlich länger als in vielen anderen Ländern, bis Recht gesprochen wird: Bei Zivilverfahren sind es durchschnittlich sieben Jahre bis zu einem rechtskräftigen Urteil, im Strafrecht sogar acht. Derzeit sind nicht weniger als 4,5 Millionen Verfahren anhängig. Dass wegen Verjährung letztlich gar nicht entschieden wird, kommt häufiger vor. Nach einer Umfrage vertrauen nur vier von zehn Italienern ihrer Justiz.

Nein auch in Südtirol – Schlusslicht Rodeneck bei Wahlbeteiligung

Nur knapp 39 Prozent der Südtiroler Wahlberechtigten gingen zum Referendum. Erheblich mehr waren es im Trentino mit rund 65 Prozent.

Rodeneck, mit einer Wahlbeteiligung von 15,71Prozent, ist die Hochburg der Wahlenthaltung in Trentino-Südtirol und sicherlich auch unter den Schlusslichtern auf gesamtstaatlicher Ebene. Von den 980 Wahlberechtigten gingen nur 154 an die Urnen.

Kompatscher: „Hatte ein knapperes Ergebnis erwartet“

Auch in Südtirol hat das Nein gewonnen: Insgesamt stimmten 51 Prozent gegen die Reform und 49 Prozent dafür. Auch in der gesamten Region Trentino-Südtirol hat das Nein gewonnen.

Laut Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher sei das Ergebnis des Referendums über die Justiz „auf gesamtstaatlicher Ebene deutlicher als erwartet“.

Landeshauptmann Arno Kompatscher - Foto: © DLife



„Persönlich hatte ich ein knapperes Ergebnis erwartet, näher an 50 Prozent sowohl für Ja als auch für Nein. In Südtirol scheint es hingegen genau so zu sein, wo sich ein Ergebnis ohne große Abstände abzeichnet“, so Kompatscher

Er erinnert daran, dass seine Partei, die SVP, keine Wahlempfehlung abgegeben hatte, „gerade weil es keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Autonomie hat“, während er selbst sowie auch Partei-Obmann Dieter Steger ihre Zustimmung zur Reform angekündigt hatten.

„Auch auf gesamtstaatlicher Ebene glaube ich nicht, dass dieses Ergebnis an sich politische Konsequenzen hat; zumindest sehe ich kurzfristig keine. Ich nehme an, dass man schon in wenigen Tagen über etwas anderes sprechen wird“, so Kompatscher.

sor

Kommentare
Kommentar verfassen
Bitte melden Sie sich an um einen Kommentar zu schreiben
senden