Die Studierendenvereinigung der Soziologie an der renommierten Tarbiat-Modares-Universität in Teheran hatte vor gut einer Woche über eine Leichenhalle am südlichen Rand der Hauptstadt berichtet. „Wer waren diese 50 Frauen, die bis heute im Leichenschauhaus der Stadt Teheran verblieben sind?“, fragen die Autoren auf Telegram. „Eine Frau hatte ihre Zähne stark zusammengebissen, und ihr ganzes Gesicht war von Blut überströmt. Angst und Wut waren weiterhin in ihrem Gesicht zu sehen“, hieß es.
Die iranische Rechtsmedizin teilte laut dem Rundfunk mit, ihr sei kein Besuch der Studierendenvereinigung in der besagten Leichenhalle bekannt.
Auslöser der jüngsten Proteste war Ende Dezember zunächst eine schwere Wirtschaftskrise, die sich bis auf die Kleinunternehmer auswirkte, ehe sie sich zu einem landesweiten Aufstand ausweiteten. Anfang Jänner folgten Massenproteste, die brutal niedergeschlagen wurden. Laut dem in den USA ansässigen Menschenrechtsnetzwerk HRANA kamen dabei mehr als 7.000 Menschen ums Leben, darunter rund 6.500 Demonstranten. Mehr als 50.000 Menschen seien festgenommen worden.
Der Staat verbreitet hingegen eine andere Darstellung: Von den Erzfeinden USA und Israel angeheuerte Söldner sollen landesweit terroristische Attacken verübt haben. Nach offiziellen Angaben gab es dabei 3.117 Tote.
Nach einer Verhaftungswelle gegen das Reformlager im Iran sind unterdessen mindestens drei prominente Politiker wieder auf freiem Fuß. Azar Mansouri, Ebrahim Asgharzadeh und Javad Emam seien gegen Kaution aus der Haft entlassen worden, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur IRNA. Die Politiker waren vor wenigen Tagen wegen kritischer Äußerungen im Zusammenhang mit den Massenprotesten gegen das Mullah-Regime Anfang Jänner festgenommen worden. Irans Reformisten streben Veränderungen innerhalb des Systems an. Auch Präsident Masoud Pezeshkian gehört dem Lager an. Laut der iranischen Nachrichtenagentur Fars soll er sich für die Freilassung eingesetzt haben.
Im Iran gibt es seit Jahren keine politische Kraft mehr, die von der Protestbewegung als glaubwürdige Opposition anerkannt wird. Auch die Reformer gelten unter Demonstranten als Teil des islamischen Herrschaftssystems, der keine grundlegenden politischen Änderungen bewirken kann.

