Sonntag, 2. November 2025

VIDEO | Erfolge, Fehler, Kritik: Manfred Pinzgers Abschied

Zwölf Jahre an der Spitze des Hoteliers- und Gastwirteverbandes (HGV) – oft kritisiert, oft gelobt: Nun zieht Manfred Pinzger Bilanz. Der 66-Jährige spricht über die größten Fehler des HGV unter seiner Ära, über Erfolge, über die ständige Kritik am Tourismus, über die Seitenhiebe seines Vorgängers Walter Meister und über den Moment, an dem es Zeit war, loszulassen.

Manfred Pinzger im VIDEO-Interview: „Ich habe vor eineinhalb Jahren die unwiderrufliche Entscheidung getroffen: Nach zwölf Jahren muss Schluss sein. Und an dieser Entscheidung halte ich fest.“ - Video: stol

Von:
Arnold Sorg
STOL: Herr Pinzger, Sie sind seit zwölf Jahren Präsident des HGV und standen damit bisweilen auch im Fokus der Kritik. Sind Sie nun froh, aus der Schusslinie zu sein, oder hat Ihnen das nichts ausgemacht?
Manfred Pinzger: Nein. Ich habe vor eineinhalb Jahren die unwiderrufliche Entscheidung getroffen: Nach zwölf Jahren muss Schluss sein. Und an dieser Entscheidung halte ich fest. Nach zwölf intensiven Jahren ist es Zeit, das Zepter abzugeben. Es ist gut, wenn neue Ideen entstehen und junge Leute ans Ruder kommen, damit auch ihre Gedanken in die tägliche Arbeit des Verbandes einfließen können.

STOL: Die Kritik am Tourismus hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt – vor allem wenn es um „zu viel Tourismus“ geht. Gibt es Argumente der Kritiker, bei denen Sie sagen: Ja, da haben sie recht. Oder sagen Sie: Nein, das stimmt alles nicht?
Pinzger: Ich denke, wir sind in Südtirol sehr unterschiedlich aufgestellt. Es gibt Destinationen, bei denen auch wir klar sagen: Es reicht, wir haben das Maximum des Verträglichen erreicht – für Einheimische und Gäste. Das wird respektiert und akzeptiert. Und dann gibt es Orte, wo auch die lokalen Verwalter gerne noch touristische Entwicklung sähen, etwa um Arbeitsplätze in der Peripherie zu sichern.

Foto: © DLife



STOL: Der EURAC-Tourismusforscher Harald Pechlaner hat vor einigen Wochen gesagt, Südtirol müsse endlich klar definieren, welchen Tourismus es brauche. Auch Ihr Vorgänger Walter Meister hat das betont. Sie waren damals hingegen anderer Meinung. Bleiben Sie dabei?
Pinzger: Ja, ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir am Landestourismusentwicklungskonzept (LTEK) mit Perspektive 2030 weiterarbeiten müssen. Wir haben uns gesprächsbereit gezeigt und viele Maßnahmen mitbegleitet und mitentschieden. Ich glaube, wir müssen dieses Paket als Ganzes besser artikulieren und dann konsequent umsetzen. Wir sind jetzt auf halber Strecke – es wäre fatal, eine Kehrtwende zu machen und wieder jahrelang zu diskutieren. Wir müssen das, was festgeschrieben wurde, im Sinne der Einheimischen und der Betriebe umsetzen.

Es gibt vielleicht fünf bis zehn sogenannte Hotspots im Land.
Manfred Pinzger


STOL: Aber die ständige Kritik ist ja ein Warnsignal. Haben Sie keine Angst, dass die Stimmung in der Bevölkerung gegen den Tourismus kippt?
Pinzger: Wir haben unsere Erfahrungswerte. Studien der Handelskammer und anderer Institute zeigen: Der Tourismus wird grundsätzlich positiv wahrgenommen. Er ist auch für viele andere Sektoren wichtig. Wenn der Handel sagt, dass im ganzen Land 47 Prozent der Einzelhandelsbetriebe direkt vom Tourismus abhängen – und in den Tourismushochburgen 80 Prozent –, dann ist das ein klares Indiz. Der Tourismus wirkt weit über Gastronomie und Beherbergung hinaus auch auf Handwerk, Kleinindustrie und vor allem auf die lokale Landwirtschaft. Ich bin überzeugt, dass die große Mehrheit der Südtiroler dem Tourismus positiv gegenübersteht. Aber – und jetzt kommt das Aber – wir müssen einige Situationen besser regeln. Etwa dort, wo es zeitweise zu viele Menschen gibt. Da müssen wir Mechanismen schaffen, was heute mit moderner Technologie möglich ist. Es gibt vielleicht fünf bis zehn sogenannte Hotspots im Land. Das Beispiel Pragser Wildsee zeigt, dass es im Einvernehmen mit der Bevölkerung und der lokalen Wirtschaft gelingen kann, praktikable Lösungen zu finden. Dieses Modell sollte man auf andere Orte übertragen.

Foto: © DLife



STOL: Wie hat sich der Tourismus in Südtirol in den vergangenen zwölf Jahren verändert?
Pinzger: Es hat sich vor allem das Reiseverhalten gewandelt. Unsere Gäste verreisen häufiger, aber kürzer – die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt heute unter fünf Tagen, früher waren es 14. Das ist eine große Herausforderung, etwa beim Verkehr. Wir müssen gegensteuern – durch Wochenpakete oder bessere Unterstützung der öffentlichen Anreise. Es gibt viele Herausforderungen.

STOL: Viele junge Einheimische wollen am Wochenende nicht mehr arbeiten. Ein großes Problem für die Gastronomie?
Pinzger: Das Thema Mitarbeiter betrifft nicht nur den Tourismus. Der demografische Wandel verschärft das Problem. Wir haben deshalb an einer eigenen Arbeitgebermarke für das Gastgewerbe gearbeitet, um uns als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Wir müssen stärker auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter eingehen und ein Gleichgewicht schaffen, um ausscheidende Kräfte durch junge Menschen zu ersetzen. Ich stelle aber fest – entgegen vieler Wahrnehmungen: Es gibt sehr wohl viele junge Leute, die sich für unsere Berufe interessieren.

Vielleicht hätten wir uns früher aktiv darum bemühen müssen, den Mehrwert unseres Sektors zu vermitteln, um der Verschlechterung der Tourismusakzeptanz im Land entgegenzuwirken.
Manfred Pinzger


STOL: Aber es nicht zu leugnen: Viele Südtiroler wollen am Wochenende frei haben. Befürchten nicht irgendwann ein Restaurant- oder Barsterben in Südtirol?
Pinzger: Es ist klar, dass sich etwas verändert. Aber es gibt auch Mitarbeiter, die gerade den freien Montag oder Dienstag schätzen. Wir steuern – wie andere Sektoren auch – auf eine Fünf-Tage-Woche zu. Zudem bieten wir viele Teilzeitmöglichkeiten. Wichtig ist, attraktive Arbeitsplätze und Arbeitsmodelle zu bieten.

STOL: Herr Pinzger, Sie sind seit zwölf Jahren HGV-Präsident. Was war Ihr größter Fehler in dieser Zeit?
Pinzger: Wir haben als Team gut gearbeitet. Trotzdem ist uns nicht alles gelungen. Vielleicht hätten wir uns früher aktiv darum bemühen müssen, den Mehrwert unseres Sektors zu vermitteln, um der Verschlechterung der Tourismusakzeptanz im Land entgegenzuwirken.

STOL: Konkret?
Pinzger: Tourismus kann nur im Einvernehmen mit der lokalen Bevölkerung gestaltet werden und das Miteinander zwischen Gästen und Einheimischen in einer Destination kann auch als Wettbewerbsvorteil gesehen werden. Beide können und sollten voneinander profitieren. Mit dem Landestourismusentwicklungskonzept 2021 haben wir diesen Ansatz aber stark eingebracht. Nach der Corona-Pandemie wurde klar, wie wichtig Akzeptanz und Dialog sind.

STOL: Sie waren ja auch als Politiker in Rom tätig. Haben Sie dadurch eine andere Sicht auf die Politik gewonnen?
Pinzger: Ja. Das Zusammenspiel zwischen Gesellschaft, Unternehmen und Politik muss funktionieren. Es braucht ehrliche Zusammenarbeit und Entscheidungsfreude der Politik – die habe ich manchmal vermisst. Aber wir müssen uns bewusst sein: Für ein funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem ist Wertschöpfung wichtig– und die entsteht eben auch durch den Tourismus.

Wer ein Amt abgibt, darf Anregungen geben, aber intern. So werde ich es handhaben.
Manfred Pinzger


STOL: Kritiker sagen immer wieder, der HGV betreibe zu viel Lobbyismus. Sagen Sie, Lobbyismus ist nötig?
Pinzger: Wir vertreten Tausende Familienbetriebe – das ist unser Auftrag. Wir bringen Vorschläge ein, viele werden gehört, nicht alle umgesetzt. Aber wir haben auf Augenhöhe diskutiert, auch wenn nicht jede Entscheidung in unserem Sinne war.

STOL: Unter Ihrer HGV-Präsidentschaft gab es vier Tourismuslandesräte: Arnold Schuler, Thomas Widmann, Arno Kompatscher und Luis Walcher – mit welchem dieser vier Landesräte war die Zusammenarbeit am besten?
Pinzger: Die schwierigste Zeit hatte sicher Arnold Schuler – mit dem LTEK und der Corona-Pandemie. Mit Luis Walcher sind wir erst seit zwei Jahren im Austausch. Die angenehmste und effizienteste Zusammenarbeit gab es mit Landeshauptmann Arno Kompatscher, als er für den Tourismus zuständig war.

STOL: Ihr Vorgänger Walter Meister hat Sie gelegentlich kritisiert. Hat Sie das gekränkt – oder gehört das einfach dazu, so wie wenn ein Luis Durnwalder den Arno Kompatscher ab und an kritisiert?
Pinzger: Wer ein Amt abgibt, darf Anregungen geben, aber intern. So werde ich es handhaben.

STOL: Was sind die größten Herausforderungen, die auf den Tourismus in Südtirol zukommen?
Pinzger: Erstens der Mitarbeitermangel – da müssen wir als Arbeitgeber attraktiver werden und mit Schulen noch enger zusammenarbeiten. Zweitens die Einstellung der Bevölkerung zum Tourismus: Wir müssen sensibel vorgehen und gemeinsam Lösungen finden. In manchen Gebieten ist das Limit erreicht, andere hätten noch Entwicklungspotenzial. Wichtig ist, dass andere Wirtschaftssektoren anerkennen, wie stark sie vom Tourismus profitieren.

Ich arbeite mit großer Freude in meinem Gastbetrieb in Vetzan zusammen mit meiner Frau Inge.
Manfred Pinzger


STOL: Sie waren Politiker und HGV-Präsident – welcher Job hat Ihnen besser gefallen?
Pinzger: Ganz klar der des HGV-Präsidenten. Ich bin im Gasthaus aufgewachsen, seit 42 Jahren selbstständiger Unternehmer und stehe, wenn es die Zeit erlaubt, selbst im Betrieb. Die Rolle als Sprachrohr für Gastronomie und Beherbergung hat mir am meisten Freude gemacht.

STOL: Jetzt geht nicht nur für den HGV eine Ära zu Ende, sondern auch für Sie. Was macht Manfred Pinzger nun?
Pinzger: Ich wurde von meinen Kollegen einstimmig in den Landesausschuss wiedergewählt. Dort bleibe ich somit Mitglied. Außerdem vertrete ich Südtirol weiterhin auf Staatsebene – im „Consiglio Nazionale dell’Economia e del Lavoro“ (CNEL), in der Confcommercio sowie in der FIPE und Federalberghi. Die Arbeit wird mir also nicht ausgehen – natürlich in enger Abstimmung mit der neuen HGV-Spitze. Und dann arbeite ich noch mit großer Freude in meinem Gastbetrieb in Vetzan zusammen mit meiner Frau Inge.

STOL: Die Rente ist also noch in weiter Ferne?
Pinzger: (lacht) So ist es.

stol

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