Freitag, 3. Oktober 2025

Wo Südtirol sich verbessern muss – die Empfehlungen der Wirtschaft

Südtirol ist eine der wohlhabendsten Regionen Europas. Und doch: Wirtschaftlich läuft auch hierzulande nicht alles rund. Was zu tun ist, damit Südtirol weiterhin wettbewerbsfähig und auch wohlhabend bleibt, haben Handelskammer und Wirtschaftsring erhoben. Das Dokument legt auch selten klar Südtirols Schwächen offen.

Stellten den Bericht „Impluse 2026“ vor (von links): Wifo-Direktor Georg, Landesrat Marco Galateo, Handelskammer-Präsident Michl Ebner, SWR-Präsident Sandro Pellegrini und Handelskammer-Generalsekretär Alfred Aberer. - Foto: © DLife/Matteo Groppo


Seit 2013 erarbeiten die Handelskammer Bozen und der Südtiroler Wirtschaftsring (SWR) in regelmäßigen Abständen ein gemeinsames Dokument, in dem sie der Frage nachgehen: Vor welchen Herausforderungen steht das Land und wie kann man damit umgehen?

Der aktuelle Bericht „Impulse 2026“ wurde am Freitag vorgestellt. Er versteht sich als Maßnahmenkatalog für Politik, Verwaltung und Wirtschaft, der Lösungsansätze zur Diskussion stellt.

Bei Wettbewerbsfähigkeit unterdurchschnittlich

„Südtirol steht vor großen Herausforderungen“, unterstrich Handelskammer-Präsident Michl Ebner vor allem mit Blick auf die geopolitischen Unsicherheiten und die US-Zollpolitik. Dazu kommen noch der Arbeitskräftemangel sowie die digitale und ökologische Transformation.

Damit Südtirol in diesem Kontext weiterhin wettbewerbsfähig bleibt, gibt es aber noch einiges zu tun. Denn in diesem Punkt glänzt das Land nicht gerade. „Wir liegen unter dem EU-Schnitt und wir bleiben sogar hinter dem Trentino zurück“, erklärte der Direktor des Wirtschaftsforschungsinstitutes der Handelskammer Bozen (Wifo), Georg Lun.
„Es ist ganz eindeutig, dass wir hier etwas ändern müssen.“

Das Problem mit der Produktivität – und den Löhnen

Die Ursachen dafür sind in Südtirols Schwächen zu suchen – Schwächen, die die Studie ungewohnt offen benennt. Da wäre zum Beispiel die vergleichsweise niedrige Produktivität in vielen Wirtschaftssektoren, gepaart mit den hohen Standortkosten für die Unternehmen.
„In der Folge sind die Löhne im Vergleich zu unseren Wettbewerbern unterdurchschnittlich“, heißt es in „Impulse 2026“. Was wiederum nicht hilfreich ist im Hinblick auf den Personalmangel und zudem die Abwanderung junger Talente weiter unterstützt.

Die Abhängigkeit vom Tourismus

Zu den Schwächen zählt die Studie auch die Abhängigkeit vom Tourismus, auch wenn der Erfolg dieses Wirtschaftssektors auch unter den Stärken aufgelistet wird. Aber: „Die starke Fokussierung auf den Tourismus macht die Region anfällig für externe Krisen, zum Beispiel Pandemien, geopolitische Unsicherheiten, Klimawandel. Eine breitere wirtschaftliche Diversifikation wäre langfristig sinnvoll“, heißt es im Bericht.

Zu wenig Start-ups und größere Unternehmen

Zudem bemängelt die Studie, dass es wenige technologische Start-ups und auch wenig größere Unternehmen gibt, die eine treibende Kraft für forschungsintensive Innovationen auf internationaler Ebene sein könnten.
Auch würden vor allem im Bereich der Steuerpolitik und bei der Deregulierung die Gestaltungsspielräume, die die Autonomie bieten würde, nicht voll ausgeschöpft.

Ebenso auf der Liste der Minuspunkte: die sehr hohen Lebenshaltungskosten – Stichwort: teures Wohnen.

Wie kann Südtirol nun diese Schwächen ausgleichen?
In „Impulse 2026“ haben Handelskammer und SWR insgesamt an die 100 Empfehlungen zusammengetragen. Sie reichen von der Stärkung der dualen Ausbildung, der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf über die bessere Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus und Erleichterungen für Exportfinanzierungen bis zum Ausbau erneuerbarer Energien und des öffentlichen Nahverkehrs (siehe unten).

„Wichtige Impulse für die Politik“

Wirtschaftslandesrat Marco Galateo sprach von „wichtigen Impulsen“ für die Politik. Viele Probleme seien zwar bekannt gewesen, mit „Impulse 2026“ habe man nun aber auch eine wissenschaftliche Grundlage vorliegen, was eine bessere Diskussionsbasis biete.

Die Wirtschaft würde sich freilich wünschen, dass es nicht nur bei den Diskussionen bleibt: „Wir hoffen, dass diese Vorschläge übernommen und einige davon in den nächsten Jahren realisiert werden“, betonte SWR-Präsident Sandro Pellegrini.

Die zentralen Punkte des Dokuments „Impulse 2026“

Fachkräfte sichern und entwickeln: Ausbau der dualen Ausbildung, Förderung von MINT-Kompetenzen, lebenslanges Lernen sowie Stärkung des Welcome-Centers zur Rückgewinnung und Integration von Talenten.

Erwerbsbeteiligung erhöhen: flexiblere Übergänge in den Ruhestand, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Anreize für längeres Arbeiten.

Regionale Wertschöpfung stärken: Förderung lokaler Wirtschaftskreisläufe, Kreislaufwirtschaft und Unterstützung traditioneller Nahversorger.

Internationalisierung forcieren: Zugang zu Exportfinanzierungen erleichtern, neue Märkte erschließen und internationale Forschungskooperationen ausbauen.

Öffentliche Investitionen steigern: Schwerpunkte in Bildung, Digitalisierung, nachhaltige Mobilität und Energieinfrastruktur.
Forschung und Innovation stärken: Investitionen in grüne Technologien, KI, Automatisierung und Vernetzung von Wirtschaft, Bildung und Forschung.

Digitalisierung als Standortmotor: Breitband- und 5G-Ausbau, EDV als Pflichtfach in Schulen, Ausbau von E-Government-Diensten.

Energie zukunftssicher machen: Ausbau erneuerbarer Energien, Modernisierung der Netze, Förderung von Energiegemeinschaften und innovative Lösungen wie Floating-PV.

Raumordnung wirtschaftsfreundlich umsetzen: Sicherung von Gewerbeflächen, beschleunigte Genehmigungsverfahren und vermehrte Nutzung von Brachflächen.

Mobilität zukunftsfähig gestalten: Fertigstellung des Brennerbasistunnels, Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, emissionsfreie Mobilitätskonzepte.

Rahmenbedingungen verbessern: leistbares Wohnen, Bildungsgerechtigkeit und eine effiziente, digitale Verwaltung.

gam

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